Büstenhalter aus dem Mittelalter

Was geht im Mittelalter?

Büstenhalter aus dem Mittelalter

Beitragvon Norbert von Thule » 18.07.2012, 09:03

Heute von der Universität Innsbruck:

Büstenhalter aus dem Mittelalter

Bislang wurde angenommen, Büstenhalter wären in der Neuzeit erfunden worden. Ein von einer Innsbrucker Archäologin untersuchter Textilfund widerlegt diese These nun: Bereits im 15. Jahrhundert gab es Kleidungsstücke, die modernen BHs auffällig ähneln.

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Foto: Leinener „BH“ aus dem 15. Jahrhundert (großes Bild) im Vergleich mit einem Longline-BH aus den 1950er Jahren (kleines Bild unten links). (Foto: B. Nutz)

Einen aufsehenerregenden Fund haben Innsbrucker Archäologen in Schloss Lengberg bei Nikolsdorf in Osttirol gemacht: Im Zuge umfangreicher Umbaumaßnahmen, die von den Archäologen unter der Leitung von Harald Stadler vom Institut für Archäologien begleitet wurden, stießen die Forscherinnen und Forscher auf über 2.700 textile Fragmente aus dem 15. Jahrhundert. „Die Textilien wurden gemeinsam mit anderen Objekten, meist aus organischem Material, wie Schuhe aus Leder, als Füllmaterial verwendet“, erklärt Mag. Beatrix Nutz, die die Textilien im Rahmen ihrer Dissertation bearbeitet. „Schriftliche Quellen lassen uns annehmen, dass das meiste Füllmaterial im Zuge einer Aufstockung zur dreigeschossigen Anlage zur Niveauangleichung des Bodens in die Gewölbezwickel gebracht wurde.“ Das Besondere an dem Fund: Vier leinene Textilien ähneln modernen BHs ”“ bisher wurde angenommen, BHs seien eine Erfindung der Neuzeit.

Unterschiedliche Textilien

Insgesamt besteht der Fund aus über 2.700 einzelnen Stoff-Fragmenten. Eine erste Durchsicht des Materials ergab eine Fülle unterschiedlicher Textilformen, darunter eine Reihe fast vollständig erhaltener Kleidungsstücke sowie Fragmente leinener Innenfutter mit spärlichen Resten der ehemaligen Wollkleider, außerdem Fragmente mehrerer Leinenhemden mit starker Fältelung an Kragen und Ärmel mit erhaltenen Textilknöpfen und zugehörigen Knopflöchern, deren Größe nahelegen, dass sie Bestandteil weiblicher Kleidung waren oder gar von Kindern getragen wurden. Auch Männerkleidung wurde gefunden: „Eine vollständig erhaltene leinene Unterhose, das Fragment einer zweiten und ein Textilfragment aus roter und blauer Wolle, das sich als Hosenlatz herausstellte, wurden von Männern getragen“, erklärt Beatrix Nutz.
Insgesamt wurden vier Textilien aus Leinen gefunden, die modernen BHs ähneln. „Zwei stärker fragmentierte Exemplare scheinen eine Kombination aus einem BH und einem kurzen Hemd zu sein. Sie enden direkt unter der Brust, haben aber zusätzliche Stoffteile oberhalb der Körbchen zum Verdecken des DekolletÁ©s und keine Ärmel“, erklärt Beatrix Nutz. Die beiden weiteren gefundenen „BHs“ ähneln modernen BHs noch stärker: „Der dritte ‚BH’ sieht mit zwei breiten Trägern und einem nicht erhaltenen Rückenteil modernen BHs viel ähnlicher. Dieser ist auch der am aufwändigsten dekorierte“, sagt die Archäologin. Der vierte „BH“ ähnelt einem modernen Büstenhalter am meisten. „Er ist eine Kombination aus einem BH und einem Mieder und kann am ehesten mit einem modernen Longline-BH verglichen werden.“

Erfindung im 15. Jahrhundert?

Eine eigens durchgeführte Kohlenstoff-14-Datierung an Faserproben zweier BHs haben die Datierung der Stücke ins 15. Jahrhundert bestätigt. Bisher gab es keine Beweise für die Existenz von BHs mit deutlich sichtbaren Körbchen vor dem 19. Jahrhundert. „Mittelalterliche schriftliche Quellen äußern sich eher vage über das Thema, manchmal werden ‚Taschen für die Brüste’ oder ‚Hemden mit Säcken’ erwähnt“, erklärt Beatrix Nutz. „Andere Quellen erwähnen nur Brustbänder, um übergroße Brüste an den Körper zu binden.“ Als „Erfinder“ des Büstenhalters gelten heute unter anderem Herminie Cadolle im späten 18. Jahrhundert, und Mary Phelps Jacob, die 1914 ein US-Patent erhielt. „Mit Ausnahme des ‚Longline-BHs’ mit einer eher kleinen Körbchengröße weisen die drei anderen gefundenen ‚BHs’ sehr große Körbchen auf, was zur Aussage mancher Schriftquellen über ‚Säcke’ in Kleidern und Hemden passt“, sagt die Archäologin. Als gesichert gilt: Der Fund ist bislang einzigartig und liefert eine wichtige Ergänzung zur Textilgeschichte.


Passt auch prima zum Tanga!
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Re: Büstenhalter aus dem Mittelalter

Beitragvon Norbert von Thule » 18.07.2012, 17:33

Interview aus Die Welt:

Christine Kensche hat geschrieben:Sensationsfund

So sexy waren die Dessous schon im Mittelalter

In einem Tiroler Schloss hat eine Textilforscherin Unterwäsche aus dem Mittelalter entdeckt. Darunter: Der älteste BH der Welt und ein Tanga ”“ der wurde allerdings nicht von einer Frau getragen.

Weil Beatrix Nutz in fremder Dreckwäsche herumgewühlt hat, muss vielleicht bald ein kleiner Teil der Geschichte neu geschrieben werden. In Schloss Lengberg in Osttirol wurden bei Renovierungsarbeiten 2008 alte Kleider gefunden. Die Textilforscherin hat sie untersucht und eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Unter den alten Stücken fand sie eine mit Schnüren zusammengehaltene Unterhose und vier Büstenhalter ”“ in einem Design, das beinahe aus einer aktuellen Sommerkollektion stammen könnte.
Nutz hat die Unterwäsche mehrere Jahre lang geprüft. Ihr Ergebnis: Unterhose und BH stammen aus dem 15. Jahrhundert. Wenn es stimmt, was die Wissenschaftlerin behauptet, wäre das eine Sensation: Glaubte man doch bisher, der Büstenhalter sei eine Erfindung des 19. Jahrhunderts.

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Im Mittelalter trug man "Tuttenseck" und Tanga

Frau Nutz, wenn überhaupt erwartet man in einem Schloss einen Goldschatz. Sie freuen sich über alte Wäsche?
Beatrix Nutz: Ja! Denn das ist ein sehr wertvoller Fund. Er lag unter dem Holzfußboden zwischen dem ersten und zweiten Stock. Schloss Lengberg wurde 2008 renoviert, dabei stieß man auf einen Hohlraum, der mit allem möglichen Müll angefüllt war. Darunter waren Textilien, die sich gut erhalten haben, weil es dort sehr trocken war. Die ungewöhnlichsten Teile sind eine Unterhose und vier Büstenhalter aus weißem Leinen. Das sind die ältesten BHs, die man bisher gefunden hat.

Woher wissen Sie, dass die Unterwäsche tatsächlich so alt ist?
Beatrix Nutz: In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts bekam das Schloss ein weiteres Stockwerk. Im Zuge der damaligen Arbeiten hat man die alte Wäsche wohl als Füllung in die Zwischendecke geworfen. Trotzdem waren wir alle sehr skeptisch. Die Stücke hätten auch bei späteren Renovierungsarbeiten dazugeschmissen worden sein können. Faserproben von zwei BHs und der Unterhose habe ich an die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich geschickt. Dort konnte man sie mit der Radiokarbonmethode datieren: Die Wäsche war irgendwann zwischen 1440 und 1485 im Gebrauch. Ein Teil der Textilforschung muss nun revidiert werden.

Warum?
Beatrix Nutz: Bisher dachte man, dass der Büstenhalter erst im 19. Jahrhundert entwickelt wurde. Das älteste Patent, das ich gefunden habe, stammt aus den USA, aus dem Jahr 1856. BHs im Mittelalter schienen einfach unvorstellbar. Damenwäsche gab es zwar bereits in der Antike, aber die Griechinnen trugen damals sogenannte "Brustbänder", also einfache Stoffstreifen, die man um die Brust wickelte. Genähte Körbchen hielt man bis heute für eine moderne Entwicklung.

Das Wäsche-Set sieht in der Tat aus wie eine aktuelle Bikini-Kollektion.
Beatrix Nutz: Die Unterhose war allerdings nur für Männer (lacht). Es gibt ein Bild von Dürer aus dem 15. Jahrhundert, "Das Männerbad", auf dem einige Herren dieses Stringtanga-ähnliche Modell tragen. Das sieht sehr neckisch aus. Bis dato ähnelten Männerunterhosen eher den heutigen Boxershorts. Aber im 15. und 16. Jahrhundert wurden enge Hosen Trend, und somit gerieten auch die Unterhosen immer knapper.

Und was trugen die Frauen unter ihren Kleidern?
Beatrix Nutz: Vermutlich nichts. Die Unterhose galt im Mittelalter auch als Symbol der männlichen Macht. Frauen, die Hosen anhatten, waren verpönt. Auf alten Abbildungen sieht man meist nur Kurtisanen und ähnlich verruchte Damen in Unterhosen. Erst im Italien des %16. Jahrhunderts trugen manche Frauen Unterhosen, etwa Mitglieder der Familie der Medici. Nach und nach wurde der Schlüpfer dann möglicherweise auch für breitere Kreise schicklich. Aber Unterwäsche blieb wohl als Luxusobjekt Adeligen und reichen Kaufleuten vorbehalten.

Wie nannte man damals eigentlich Unterhose und Büstenhalter?
Beatrix Nutz: Im Mittelalter sagte man "Bruche" oder "Brouch" zur Unterhose. BHs hatten eigentlich keinen eigenen Namen. In einer thüringischen Chronik von 1480 gibt es die Bezeichnung "Hemden mit Säcken, in die sie die Brüste reinstecken", in einem satirischen Gedicht aus dem 15. Jahrhundert heißt es "Tuttenseck". Später sind die Menschen schamhafter geworden: Unterhosen nannte man dann "die Unaussprechlichen".

Der BH sieht ziemlich modisch aus. Haben Sie Angst, dass eine Kopie Ihrer Entdeckung bald bei H&M hängt?
Beatrix Nutz: Ich habe tatsächlich schon E-Mails bekommen aus Amerika, Australien und Deutschland ”“ von Privatleuten, die gerne das Schnittmuster hätten, um den BH für sich nachzuschneidern. Die meisten kommen von Anhängern der Mittelalterszene, die in ihrer Freizeit gerne in ein traditionelles Gewand schlüpfen und die Authentizität sehr genau nehmen. Gerade Damen mit größerer Oberweite sind sehr erleichtert zu erfahren, dass Frauen auch im Mittelalter BHs getragen haben. Ohne die Stütze wird das Ritterspiel in den alten Kleidern wohl sehr schnell unbequem. Mit einer Ausnahme sind die Modelle, die ich untersucht habe, für einen recht großen Busen angefertigt ”“ in etwa Körbchengröße C.

Die Unterhose haben Sie schon nachgeschneidert. Wie ist der Tragekomfort?
Beatrix Nutz: Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Bisher hat sich noch kein Herr gefunden, der sich bereit erklärt, das Ding zu tragen und auch vorzuführen.

Warum denn das?
Beatrix Nutz: Wenn Sie sich die Szene von Dürer ansehen, werden Sie das verstehen (lacht). Die Unterhose bedeckt gerade einmal das Nötigste. Meine Kollegen an der Uni Innsbruck sind seriöse Wissenschaftler und keine Unterwäschemodels. Sie zieren sich.

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Beatrix Nutz (links), Textilforscherin an der Universität Innsbruck, hat die mittelalterlichen Dessous untersucht. Albrecht Dürer "Männerbad" (rechts)
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Re: Büstenhalter aus dem Mittelalter

Beitragvon Norbert von Thule » 19.07.2012, 09:39

Nutz kündigte an, im Jahr 2014 eine wissenschaftliche Publikation unter dem Titel "Unters Kleid geguckt. Die Textilien aus der Zwickelfüllung von Schloss Lengberg" veröffentlichen zu wollen.
(Quelle: Austria Presse Agentur)
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Re: Büstenhalter aus dem Mittelalter

Beitragvon Norbert von Thule » 25.07.2012, 20:22

Weitere Bilder aus dem Stern-Video:

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